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Begegnung jenseits der Unterschiede

1. Von der Herausforderung des Fremden um uns und in uns
Fremdes, vom eigenen Kultur- und Erfahrungskreis Abweichendes, nehmen Menschen seit jeher häufig als Herausforderung oder gar Bedrohung wahr. Solche Reaktionen sind grundsätzlich verständlich, können aber nicht zuletzt Unrecht gegenüber Mitmenschen begünstigen.
Wir wissen heute ebenfalls, dass Menschen nicht nur durch die Andersartigkeit fremder Menschen, sondern auch durch eigene Persönlichkeitsanteile, die ihnen an sich fremd erscheinen, herausgefordert werden können. Wir können uns manchmal selbst fremd sein und eigene Wesenszüge, Haltungen oder Handlungen nicht gänzlich verstehen. Schließlich fällt es manchen Menschen beispielsweise aufgrund ihrer extrovertierten Natur leichter, offen und unvoreingenommen auf Fremde zuzugehen, während andere aufgrund ihrer Persönlichkeit und Prägung generell zurückhaltender in sozialen Interaktionen sind. Kurz: Der Umgang mit dem uns fremden Mitmenschen hat viel mit uns selbst zu tun.
2. Gastfreundschaft und Fürsorge in der christlichen Tradition
Die Forderung, anderen fürsorglich und gastfreundlich zu begegnen, hat insbesondere eine lange jüdisch-christliche Tradition. Schon im Alten Testament wird ein gerechter und freundlicher Umgang mit Menschen aus fremden Kulturen verlangt, zum Beispiel: "Einen Fremden sollst du nicht ausbeuten. Ihr wisst doch, wie es einem Fremden zumute ist; denn ihr selbst seid im Land Ägypten Fremde gewesen" (Exodus 23,9, Einheitsübersetzung, 2017). Die eigene Geschichte von Flucht, Fremdheit und Abhängigkeit soll sensibel machen für die Situation anderer. Damit verbindet sich die Überzeugung, dass jedem Menschen unabhängig von seiner Herkunft eine besondere Würde zukommt.
Ähnliche Forderungen finden sich auch im Neuen Testament, was wenig erstaunt. Zum Beispiel werden die christlichen Gemeinden angehalten: "Seid untereinander gastfreundlich, ohne zu murren" (1. Petrusbrief 4,9, Einheitsübersetzung, 2017)! In einem Brief an Christen, die ihrerseits wegen ihrem Glauben stark unter Druck standen, wurde sogar gesagt beziehungsweise in einem Brief geschrieben: "Vergesst die Gastfreundschaft nicht; denn durch sie haben einige, ohne es zu ahnen, Engel beherbergt" (Hebräerbrief 13,2, Einheitsübersetzung, 2017)!
Hier klingen nicht zuletzt alttestamentliche Geschichten an, die von eigenen Erfahrungen des Fremdseins oder Begegnungen von Menschen mit Engeln respektive Boten von Gott erzählen. Von Abraham wird beispielsweise berichtet, dass er drei solche Boten Gottes als Gäste empfing (Genesis 18). Einer der Boten wird traditionellerweise als Repräsentant von Gott selbst interpretiert. Die Boten versprachen Abraham die Geburt seines Sohnes Isaak. Die Offenheit gegenüber uns bekannten, aber auch unbekannten Menschen wird auf eine quasi übernatürliche, spirituelle Stufe gehoben. Fremde gastfreundlich aufzunehmen, ist nicht nur ethisch gefordert, sondern ermöglicht unter Umständen eine besondere Gotteserfahrung.
Das Neue Testament vertieft diesen Zusammenhang und spitzt ihn zu. Ausgangspunkt ist die fürsorgliche Nächstenliebe gegenüber dem Fremden in Not, unabhängig von ethnischen oder religiösen Bindungen. Viele denken zunächst an das Gleichnis des barmherzigen Samariters (Lukasevangelium 10,25–37). Der fremde Andersgläubige hilft selbstlos einem Menschen in aussichtsloser Lage und dient dabei als Kontrast zu religiösen Zeitgenossen, die den Notleidenden im Stich lassen.
Andere erinnern sich vielleicht an den pointierten Text im Matthäusevangelium (25,31–46). Auch hier zieht Jesus die Fürsorge für die in Not Geratenen zum Vergleich heran. Gastfreundschaft und Fürsorge werden zu einer religiösen Verpflichtung, denn im Umgang mit dem Fremden entscheidet sich zugleich die Treue zu Gott. Die Behandlung von Hungrigen, Durstigen und Fremden wird zum Kriterium des Heils. Im Fremden ist Christus selbst gegenwärtig: "Ich war fremd, und ihr habt mich aufgenommen" (Vers 35). Wer sich seinen Mitmenschen wissentlich oder unwissentlich barmherzig zuwendet, wird in die ewige Gemeinschaft mit Gott eingeladen. Wer Hungrigen zu essen und Durstigen zu trinken gibt, Bedürftige mit Kleidern versieht, Fremde wohlwollend aufnimmt, Kranke und Gefangene besucht, bestätigt seinen aufrichtigen Glauben an Gott. Gastfreundschaft und Nächstenhilfe gegenüber anderen sind somit als Barmherzigkeit gegenüber Gott selbst zu verstehen (Vers 40). Der barmherzige Umgang mit dem Nächsten gilt schließlich als Folge der eigenen Barmherzigkeit Gottes.
3. Von Integration zu Inklusion und Teilhabe
Die biblischen Texte stammen aus Kulturen, in denen Gastfreundschaft, menschliche Begegnung und zwischenmenschliche Beziehungen bis heute einen hohen gesellschaftlichen Stellenwert besitzen. Auch in westlichen Gesellschaften gilt der achtsame Umgang mit dem Nächsten und dem Fremden als zentraler Wert – insbesondere die karitative Unterstützung von Menschen in Not. Dass Gastfreundschaft und Nächstenliebe jedoch durch Vorurteile, Misstrauen oder die Angst vor Missbrauch eingeschränkt werden können, ist kein Geheimnis. Dass Kontakte, Begegnungen oder sogar Freundschaften zu Personen aus uns fremden (Sub-)Kulturen vorhandene Vorbehalte und Vorurteile abbauen können, ist aus der aktuellen Forschung ebenfalls bekannt.
In der öffentlichen Diskussion wird das Thema Migration traditionell vor allem mit Integration verknüpft. Menschen aus anderen Kulturen sollen die Sprache des Aufnahmelandes lernen und sich umfassend anpassen. Inzwischen ist jedoch weithin anerkannt, dass echte Teilhabe "beide Seiten" erfordert: Auch die Mehrheitsgesellschaft muss sich öffnen, um Minderheiten Raum zu geben. Der Inklusionsbegriff betont diesen wechselseitigen Prozess und verweist im Sinne der Menschenrechte darauf, dass sich auch die Gesellschaft selbst zugänglich und veränderungsbereit zeigen sollte. Eine bloße Optimierung bestehender Angebote reicht dafür nicht aus – gefordert ist ein grundlegender Systemwechsel.
Dass solche Veränderungen gesellschaftliche Spannungen nicht automatisch verringern, ist bekannt; ebenso, dass sie langfristig die Chancen für nachhaltige Teilhabe erhöhen. Vor diesem Hintergrund überrascht es nicht, dass der Inklusionsgedanke zunehmend auch auf Fragen von Asyl und Migration angewendet wird.
Diese Perspektive auf Inklusion und Teilhabe macht deutlich, dass gesellschaftlicher Zusammenhalt nicht allein durch strukturelle Reformen entsteht, sondern wesentlich von der inneren Haltung der Beteiligten getragen wird. Inklusion beginnt dort, wo Menschen bereit sind, ihre Wahrnehmung des anderen zu hinterfragen und die eigene Position im Gefüge von Nähe und Fremdheit reflektiert zu betrachten. Genau an dieser Schnittstelle setzt die interkulturelle Sensibilität an.
4. Interkulturelle Sensibilität nutzen
Die zeitgenössische kulturwissenschaftliche Forschung (u. a. Kumar Yogeeswaran; Hall) weist darauf hin, dass Menschen nicht einer einzigen Kultur angehören, sondern sich zugleich in mehreren kulturellen Bezugsrahmen verorten. Eine Person kann sich einer Glaubensgemeinschaft zugehörig fühlen, Mitglied eines Sportvereins mit eigenen Normen und Werten sein und Teil einer Familie mit einer ausgeprägten kulturellen Identität. Gleichzeitig teilen Menschen umfassendere kulturelle Zugehörigkeiten wie nationale und sprachliche Kontexte. Diese sogenannte kulturelle Pluralität bildet eine zentrale Grundlage für das Verständnis von kultureller Selbstüberschätzung und der Gefahr vereinfachender Zuschreibungen. Nicht selten begegnen wir Menschen, die wir aufgrund eines einzelnen kulturellen Merkmals – etwa der ethnischen Herkunft – zunächst als "sehr anders" wahrnehmen, um später festzustellen, dass wir im selben Dorf leben, dieselben Feste besuchen und dieselben Filme sehen. Was auf den ersten Blick fremd erscheint, erweist sich im Alltag oft als überraschend vertraut. "Fremd" mag mir ein Gegenüber aufgrund äußerlicher Merkmale erscheinen, Vertrautes finde ich jedoch in seinen Werten und Prinzipien.
Erfahrungen zeigen zudem, dass die eigene Toleranz gegenüber Unterschieden wächst, wenn Menschen interkulturelle Begegnungen selbst initiieren oder diese unter Bedingungen stattfinden, die sie als sinnvoll und bereichernd erleben. Daraus wird deutlich: Kulturelle Sensibilität ist keine feste Eigenschaft, sondern ein situationsabhängiger Prozess. Die Entwicklung interkultureller Kompetenz setzt daher die bewusste Wahrnehmung jener Momente voraus, in denen die eigene Offenheit schwindet, ebenso wie die reflektierte Auseinandersetzung mit den Gründen dafür.
In diesem Zusammenhang bietet das von Milton J. Bennett entwickelte Developmental Model of Intercultural Sensitivity (DMIS) einen tragfähigen theoretischen Bezugsrahmen, um zu verstehen, wie Menschen kulturelle Unterschiede wahrnehmen, deuten und mit ihnen umgehen. Das Modell beschreibt interkulturelle Kompetenz als einen Entwicklungsprozess, in dem sich Weltbilder schrittweise von ethnozentrischen hin zu zunehmend ethno-relativen Perspektiven entfalten. Durch die Verortung von Individuen und Gruppen entlang dieses Entwicklungsverlaufs ermöglicht das DMIS die Gestaltung gezielter, entwicklungsgerechter Lern- und Interventionsprozesse. In Bildung, Beratung und Organisationsentwicklung kann das Modell dazu beitragen, die Entfaltung differenzierter, anpassungsfähiger und inklusiver Formen interkultureller Begegnung systematisch zu fördern.
5. Zusammenfassende Merkpunkte
Was lässt sich aus der christlichen Tradition und den geschichtlich gewachsenen interdisziplinären Errungenschaften für unseren persönlichen gesellschaftlichen Umgang mit Fremden lernen? Wir beschließen den kurzen Streifzug mit wenigen Merkpunkten.
1. Ein gastfreundschaftlicher und hilfsbereiter Umgang mit dem Fremden ist tief in der jüdisch-christlichen Tradition verwurzelt. Nächstenliebe ist damit eine Sache des Herzens, die sich allerdings in einer entsprechenden Handlungsweise äußert.
2. Eine offene und verantwortungsvolle Haltung gegenüber Menschen aus fremden Kulturen ist Ausdruck einer lebendigen Spiritualität und barmherzigen religiösen Praxis – auch einer gemeinschaftlich gelebten. Die Kirche steht als Advokat der besonders Verletzlichen grundsätzlich auch auf der Seite der Fremden, besonders denen in existenzieller Not und ohne ausreichenden gesellschaftlichen Schutz.
3. Bereits mit dem Verweis auf die biblischen Texte und christliche Tradition ist zu betonen, dass der Umgang mit Fremden strukturiert und verantwortungsvoll gestaltet werden muss. Alle Menschen sind in gewisser Weise Fremde, Versöhnung, Respekt sowie gerechte Bedingungen für das Leben in der Fremde sind eine universale gesellschaftliche Aufgabe.
4. "Fremd" ist neu zu denken: Nicht die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Ethnie oder Kultur macht einen Menschen fremd, sondern die Abwesenheit von Neugier, Respekt und der Bereitschaft zur Begegnung. Gemeinschaft entsteht dort, wo Menschen auf der Grundlage geteilter Lebenswirklichkeiten, gemeinsamer Praxis und einer offenen Haltung Verbindung aufbauen – nicht dort, wo sie in vereinfachenden kulturellen Zuschreibungen verharren. Unterschiede werden nicht zur Abgrenzung genutzt, sondern als Einladung verstanden, Gemeinsamkeit in wertschätzender Neugier zu suchen.
5. Eine wertschätzende Gemeinschaft gründet auf der Anerkennung, dass Kulturen nicht statisch sind, sondern sich fortwährend wandeln und stets in Beziehung zu gesellschaftlichen Machtverhältnissen entstehen und weiterentwickeln. Wer Verantwortung für das Miteinander übernehmen will, muss diese Dynamiken mitdenken und sich der eigenen Positionierung bewusst sein. Erst so wird kulturelle Vielfalt nicht zur Quelle neuer Ungleichheit, sondern zu einer Ressource für Gerechtigkeit, Teilhabe und gemeinsames Wachstum.
Lyrisches Finale
asyl
auf
der
flucht
via
meer
berg
und
schlucht
schweres
ertragen
narben
beklagen
bitte
asyl
ohne
kalkül!
existenz
schach
matt
suche
neue
heimat
werde
ich
sie
finden?
werden
sie
die
wunden
verbinden?
Entnommen aus: Oliver Merz, "papperlapapp - sinnvoll kurz und knapp", Thun: Verlag Mosaicstones, 2020, S.20, Infos und Leseprobe: https://www.mosaicstones.ch/papperlapapp-sinnvoll-kurz-und-knapp.
Die Autoren
Mark Moser (1973) ist Dozent für Kommunikation, Interkulturelle Kompetenzen und Konflikttransformation an der Hochschule für Wirtschaft der Fachhochschule Nordwestschweiz. Er lehrt zudem als externer Dozent an verschiedenen weiteren Hochschulen zu den Themen Gesundheit und Kultur, spirituelles Wohlbefinden in kulturell vielfältigen Kontexten sowie weiteren verwandten Bereichen. Mark Moser lebt in Bern und Bangkok. 2026 veröffentlichte er das Buch "The Art of Living with Chronic Illness" (deutsch: "Erfülltes Leben mit Krankheit"). Das Buch ist auf seiner Website erhältlich.
Oliver Merz (1971) ist Theologe und promovierte 2015 in Praktischer Theologie an der Universität von Südafrika (UNISA) in Pretoria. Er ist Gründer und Leiter des "Institut Inklusiv". Zudem wirkt er als Gastdozent, Referent, Berater, Supervisor, Gutachter und Autor. Seine Arbeitsschwerpunkte liegen im Bereich Vielfalt und Verschiedenheit, Inklusion und Teilhabe in Kirche und Gesellschaft sowie Religion, Spiritualität und Gesundheit beziehungsweise Krankheit und Behinderung. Oliver Merz wohnt mit seiner Familie in Thun (Schweiz). Persönliche Website.
Dieser Beitrag wurde auf ChristNet nochmals veröffentlicht. Wir danken herzlich dafür!
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Themenliste
- Begegnung jenseits der Unterschiede
- Bericht zum 3. Tagesseminar zum Thema "Inklusion von queeren Menschen (LGBTQIA+) in der Kirche"
- 2. Fachtagung Inklusion 2026
- Was wäre wenn?
- Säkularisierung Europas – Frage nach den Folgen
- Die Inklusion von queeren Menschen (LGBTQIA+) in der Kirche
- „Achte auf dein Inneres, denn es beeinflusst dein Äusseres!“
- Solidarische und inklusive lokale Gemeinschaften – was bedeutet das?
- 3. Tagesseminar zu Inklusion von queeren Menschen in der Kirche
- Gleichwertig, aber nicht gleichartig – Grundsatz fürs Zusammenleben und Zusammenarbeiten
- Die Zeit ist reif!
- Ein durchkreuzter Traum
- Inklusion und Friedensförderung im und durch Sport
- "DU für alle"
- "Die Liebe ist die Grenze!"
- Von der Hoffnung – nicht nur für schwere Zeiten
- Bericht zum 2. Tagesseminar zu Inklusion und LGQBTIA+ in der Kirche
- Wie inklusiv sind Kirchen in unserem Land?
- Was ein Baum über Einheit in Vielfalt lehrt
- "Zmitztdrin" – eine Anstiftung zu mehr Inklusion in der Kirche
- Bericht zur Fachtagung "Dazugehören" in Aarau
- 2. Tagesseminar zu Inklusion und LGBTQIA+ in der Kirche
- Diversity Management aus biblischer Perspektive
- Unterstützen Sie uns dabei, Kirchen inklusiver zu machen!
- Frohe Festtage und ein hoffnungsvolles neues Jahr!
- "Ich lasse mich nicht behindern"
- Fachtagung "Dazugehören" – jetzt anmelden!
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- Ab in die Sommerpause
- "Zmitztdrin" – Lehrmittel mit Dokumentarfilm zu Inklusion in der Kirche
- Für Inklusion sensibilisieren
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- Rückblick auf das Tagesseminar "Inklusion und LGBTIQ* in der Kirche"
- Dazugehören – mit Kopf und Herz für eine inklusivere Welt
- 1. Treffen des Beirats
- Tagesseminar Inklusion und LGBTIQ* in der Kirche
- "Von der Ausgrenzung zur Umarmung"
- 1 Jahr Institut Inklusiv
- Gegenseitige Rücksichtnahme und gemeinsames Feiern als Förderfaktoren von Inklusion und Teilhabe
- Inklusion und Gender
- Paulus – Cheftheologe und Apostel mit Behinderung
- Ein Sommergruss
- Lyrische Inklusion
- "Inklusiv für alle – wirklich?"
- Inklusion in Theologie und Kirche
- Barrieren und Förderfaktoren von Inklusion
- Konferenz "Versöhnt leben" 2022
- Inklusion ist keine Option
- Institutsgründung