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Heilung als Re-Inklusion

1. Vom medizinischem Defizit zum ganzheitlichen Wohlbefinden
In der Vergangenheit wurden Krankheit und Behinderung international durch eine pointiert medizinische Brille betrachtet. Entsprechend war die Deutung vorherrschend, Heilung als Wiederherstellung von physischen, psychischen oder geistigen Defiziten zu verstehen. In der Definition von Krankheit durch die Weltgesundheitsorganisation WHO zeigt sich bereits eine wichtige internationale Entwicklung hin zu einem ganzheitlicheren Verständnis:
"Die Gesundheit ist ein Zustand des vollständigen körperlichen, seelischen/geistigen und sozialen Wohlergehens und nicht nur das Fehlen von Krankheit oder Gebrechen.
Der Besitz des bestmöglichen Gesundheitszustandes bildet eines der Grundrechte jedes menschlichen Wesens, ohne Unterschied der Rasse, der Religion, der politischen Anschauung und der wirtschaftlichen oder sozialen Stellung.
Die Gesundheit aller Völker ist eine Grundbedingung für den Weltfrieden und die Sicherheit; sie hängt von der engsten Zusammenarbeit der Einzelnen und der Staaten ab" (Verfassung der Weltgesundheitsorganisation, 1946, 1, abrufbar im Internet: https://fedlex.data.admin.ch/filestore/fedlex.data.admin.ch/eli/cc/1948/1015_1002_976/20200706/de/pdf-a/fedlex-data-admin-ch-eli-cc-1948-1015_1002_976-20200706-de-pdf-a.pdf [Zitierdatum: 02.06.2026]).
Auch aus einer theologischen Inklusionsperspektive lässt sich Heilung angemessen deuten, indem sie nicht als bloße "Normalisierung" von Defiziten, sondern als Wiederherstellung von Beziehung, Würde und Zugehörigkeit begriffen wird. Daraus ergibt sich: Heilung meint weniger die Herstellung eines normierten Körpers als die Ermöglichung von Gemeinschaft mit Gott, mit anderen und mit sich selbst.
Diese Interpretation wird nachfolgend kurz erläutert und begründet.
2. Heilung im biblischen Horizont
Die neutestamentlichen Wundererzählungen sind nicht nur Berichte über spektakuläre Eingriffe, sondern Zeichenhandlungen, in denen Jesus Grenzen überschreitet, Menschen annimmt und soziale Ausgrenzung unterbricht. Auch die expliziten Heilungsgeschichten im Neuen Testament lassen sich in diesem Deutungsrahmen lesen. Kranke wurden nicht nur theologisch stigmatisiert, sondern wurden beispielsweise bei Aussatz auch aus hygienischen Gründen vom sozialen und kulturellen Leben ausgeschlossen.
In einer solchen Perspektive ist Heilung ein Geschehen, das die betroffene Person nicht auf Krankheit oder Behinderung reduziert, sondern den Menschen ganzheitlich in den Blick nimmt. Entscheidend ist daher nicht zuerst die Frage, ob ein Zustand "behoben" wird, sondern ob Leben wieder eröffnet wird, individuell und sozial.
In diesem Zusammenhang verwendet auch die Theologie den Begriff der "Re-Inklusion" (Liedke, Ulf 2013. Inklusion in theologischer Perspektive, in Liedke, Ulf & Kunz, Ralph (Hg.) 2013, Handbuch Inklusion in der Kirchengemeinde. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 40f.). Gerade für eine theologische Sicht auf Re-Inklusion ist wichtig, dass das Reich Gottes nicht mit irdischer Perfektion gleichgesetzt werden darf. Die biblische Hoffnung zielt nicht auf die Eliminierung von Verschiedenheit, sondern auf eine versöhnte Gemeinschaft, in der Verschiedenheit nicht ausschließt, sondern getragen und ertragen wird. Heilung wird so zum Zeichen einer heilsamen Ordnung, in der niemand aus dem Beziehungsgefüge herausfällt.
3. Re-Inklusion als Deutung
Re-Inklusion bezeichnet theologisch die Wiederaufnahme in eine Gemeinschaft, aus der Menschen durch Krankheit, Stigma, Abwertung oder soziale Strukturen und kultische Regeln herausgedrängt wurden. In dieser Logik ist Heilung nicht primär ein medizinisches Ereignis, sondern ein relationales, ein beziehungsmäßiges: Menschen erfahren Anerkennung, Berührung, Teilhabe und erneuerte Lebensmöglichkeiten. Die Pointe liegt darin, dass Würde nicht an Leistungsfähigkeit oder Unversehrtheit gebunden ist. Solche Würde steht allen zu und ist unantastbar.
Besonders anschlussfähig ist hier die Rede von der Kirche als communio bzw. Koinonia: Gemeinschaft ist nicht die Einheit der Gleichen, sondern die Zugehörigkeit von Verschiedenen, die einander anerkennen und tragen. Die Unterschiedlichkeit wird theologisch sogar als gegeben und notwendige Ergänzung betrachtet (Epheserbrief 4,7–16, 1. Korintherbrief 12,12–31). Herausforderungen inklusive!
Heilung als Re-Inklusion bedeutet deshalb auch kirchlich gesehen, dass Gemeinden Orte sein sollten, an denen besonders verletzliche Menschen nicht am Rand stehen, sondern vollwertige Mitglieder sind. Die Gemeinschaft braucht diese anderen Blickwinkel und Zugänge zum Leben. Mehr noch, sie wird dadurch bereichert. In diesem Sinne bedeutet Heilung nicht die Rückkehr in einen vermeintlich normalen Zustand, sondern die Rückkehr in eine Beziehung und eine stärkende, mitunter auch schützende Gemeinschaft.
4. Sünde, Ausschluss und Versöhnung
Aus theologischer Sicht ist Exklusion eine Form von Sünde und Ungerechtigkeit, da sie Beziehungen zerstört und Menschen voneinander trennt. Wenn einzelne Merkmale verabsolutiert werden, verlieren Personen ihre Ganzheit. Wenn Unterschiede stigmatisiert werden, entsteht soziale Beziehungslosigkeit. Re-Inklusion ist dann keine ethische Zusatzoption mehr, die man haben kann, sondern ein unverzichtbares Versöhnungshandeln Gottes.
In diesem Zusammenhang bedeutet "Gott versöhnt", dass Gott die Gemeinschaft wiederherstellt, bevor Menschen sich selbst wiederherstellen können. Heilung ist daher Gnade und Erbarmen Gottes und keine menschliche Leistung. Sie ist eine Gabe und kein Verdienst. Für die Praxis bedeutet das, dass Seelsorge, Liturgie und Diakonie nicht auf die "Beseitigung" von Anderssein abzielen dürfen, sondern auf die Öffnung von Räumen, in denen das konkrete Leben bejaht wird. Dies gilt unabhängig davon, ob Krankheiten medizinisch geheilt werden können oder Menschen mit bleibenden Einschränkungen weiterleben.
5. Konsequenzen für Kirche und Praxis
Eine theologische Rede von Heilung als Re-Inklusion hat drei Konsequenzen. Erstens muss heilende Praxis von normierenden Erwartungshaltungen gelöst werden und die Selbstdeutung von Menschen mit Behinderung muss respektiert werden. Zweitens muss sie die Gemeinde als einen Ort wechselseitiger Anerkennung gestalten, an dem nicht Defizite, sondern Beziehungen im Zentrum stehen. Drittens muss sie sich gesellschaftlich für Strukturen einsetzen, die Teilhabe ermöglichen und Ausgrenzung abbauen.
In diesem Sinne ist Heilung kein Gegenbegriff zu Krankheit oder Behinderung, sondern ein Begriff für gelingende Zugehörigkeit unter Bedingungen menschlicher Verletzlichkeit. Jürgen Moltmann fasst das zugrundeliegende Menschenbild beispielsweise wie folgt zusammen: "Nicht ein Fürst, sondern der Mensch, Mann und Frau gleichermaßen, alle Menschen und jeder Mensch ist Bild, Stellvertreter, Beauftragter und Abglanz Gottes" (Moltmann, Jürgen 1987: Gott in der Schöpfung: Ökologische Schöpfungslehre. 5. Auflage. Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus, 224).
Re-Inklusion bedeutet demnach, dass ein Mensch nicht erst dann vollständig ist, wenn er nach bestimmten Durchschnittswerten "funktioniert", sondern wenn er in seiner unverwechselbaren Würde angenommen wird. Genau darin zeigt sich aus theologischer Sicht ein heilendes Handeln, das Leben eröffnet, anstatt Menschen zu normieren und sie bei Abweichungen vom menschlichen Durchschnitt abzuwerten.
Viel Gewinn beim Weiterdenken.
Der Autor
Oliver Merz (1971) ist Theologe und promovierte 2015 in Praktischer Theologie an der Universität von Südafrika (UNISA) in Pretoria. Er ist Gründer und Leiter des "Institut Inklusiv" (www.institutinklusiv.ch). Zudem wirkt er als Gastdozent, Referent, Berater, Supervisor, Gutachter und Autor. Seine Arbeitsschwerpunkte liegen im Bereich Vielfalt und Verschiedenheit, Inklusion und Teilhabe in Kirche und Gesellschaft sowie Religion, Spiritualität und Gesundheit beziehungsweise Krankheit und Behinderung. Oliver Merz wohnt mit seiner Familie in Thun (Schweiz). Persönliche Website: www.oliver-merz.ch.
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