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Auch eine inklusive Kirche ist "Kirche unterwegs" – aber bitte mindestens das!

Typische theologische Hindernisse und Probleme im Zusammenhang mit Inklusion und Behinderung in der Kirche


Ich komme beruflich und privat in unterschiedlichste Landes- und Freikirchen. Besonders in den Landeskirchen wurde bereits einiges über inklusive Kirche geredet und geschrieben. Die Inklusion von Menschen mit Behinderungserfahrungen ist mancherorts verbessert worden. Auch in den Freikirchen kommt Inklusion in den letzten paar Jahren zunehmend ins Blickfeld. Oft schaut man dabei mindestens auf eine lange karitative Tradition im Umgang mit Menschen in notvollen Lebensumständen zurück.

Es mag darum auf den ersten Blick wenig verwundern, dass mir Menschen in Kirchen bereits vor Referaten oder Seminaren sagen, man unternehme schon viel, um Menschen mit Behinderungserfahrungen am kirchlichen Leben teilhaben zu lassen. Bei allem Respekt für die bisherigen Anstrengungen zeigt sich beim genaueren Hinsehen weiterhin ein durchzogenes Bild.

Die Inklusion von Menschen mit Behinderungserfahrungen in der Kirche steht immer noch vor verschiedenen theologischen, strukturellen, einstellungsbedingten und praktischen Hindernissen. Obwohl die Kirche prinzipiell eine inklusive Botschaft vertritt respektive dies von sich selbst behauptet, zeigen Forschung und Erfahrung, dass Barrieren oft und nicht zuletzt tief in Traditionen und Bibelinterpretationen verwurzelt sind. 

Es folgen typische theologische und praktisch-kirchliche Hindernisse und Probleme ohne Anspruch auf Vollständigkeit:

1. Theologische Problemfelder und Vorurteile

Verbindung von Behinderung mit Sünde oder Strafe: Historisch und teilweise auch heute noch wird Behinderung fälschlicherweise als Folge von Sünde oder als göttliche Strafe interpretiert. Das stigmatisiert Betroffene und zeugt von einer nicht genügend aufgearbeiteten Theologie. Dieselbe belastet Direktbetroffene und ihr Umfeld zusätzlich, anstatt ihnen bei der Bewältigung zu helfen.

Fehlinterpretation von Heilungsgeschichten: Viele Heilungsgeschichten in der Bibel werden so ausgelegt, dass Behinderung ein Zustand ist, der überwunden werden muss, um "ganz" zu sein. Dabei wird häufig übersehen, dass es bereits Jesus primär um die Wiedereingliederung in die Gemeinschaft mit Gott und den Mitmenschen ging, nicht (nur) um die physische Heilung. Neuere Ansätze betonen Heilung denn auch als Reintegration/Re-Inklusion in die Gemeinschaft – also das Aufheben von Stigmatisierung und Ausgrenzung, statt der rein körperlichen Veränderung.

Idealisierung von Perfektion und Vollkommenheit: Oft wird die Gottebenbildlichkeit an Vernunft oder körperliche Unversehrtheit geknüpft. Menschen mit geistigen oder schweren körperlichen Einschränkungen werden so indirekt als "weniger ebenbildlich" respektive weniger vollkommen wahrgenommen. Dies wird beispielsweise in Vorstellungen vom Jenseits ("im Himmel gibt es keine Lahmen") deutlich, was Behinderung als einen negativen Zustand darstellt, der "repariert" wird. Eine solche theologische Vorstellung, die den perfekten, gesunden Körper als Ideal ansieht, kann beklemmend wirken, abwerten und unter Druck setzen.

Mangel an "Theologie der Behinderung" respektive mehr exklusive als inklusive Theologie: Lange Zeit wurde Theologie aus der Perspektive des "nicht-behinderten" Menschen (vornehmlich Männer) geschrieben. Eine inklusive Theologie, die Behinderung als Teil der menschlichen Vielfalt begreift, ist längst nicht überall etabliert. Dass sich dies ändert, dafür arbeiten insbesondere Theolog:innen  mit Behinderungserfahrungen selbst gemeinsam mit zahlreichen "Verbündeten".Eine inklusive Theologie rückt in der Folge die Zerbrechlichkeit, Angewiesenheit und Ergänzungsbedürftigkeit des Menschen ins Zentrum, was der christlichen Botschaft eindeutig nähersteht.

2. Haltung und pastoraler Ansatz

Fürsorgedenken statt Teilhabe: Oft werden Menschen mit Behinderungserfahrungen immer noch als Objekte der Fürsorge (diakonisch-karitativ) gesehen, anstatt als gleichberechtigte Subjekte mit eigenen Talenten und berechtigtem Mitarbeits- und Führungsanspruch in der Gemeinde. Dadurch bleiben sie in der einseitigen "Empfängerrolle", was ihre gleichberechtigte und aktive Teilhabe nicht begünstigt. Die Gemeinschaft bringt sich somit selbst um den wertvollen und nötigen Beitrag von Menschen mit Behinderungserfahrungen.

Fehlende Repräsentation: In kirchlichen Berufen und Führungspositionen sind Menschen mit Behinderungserfahrungen kaum sichtbar. Ähnlich sieht es im wissenschaftlichen Kontext beziehungsweise in der theologischen Forschung und Lehre aus. Oft fehlt der Wille und der Mut, Menschen mit Behinderungserfahrungen bewusst in den Dienst zu nehmen – selbst wenn man ihnen die nötigen Kompetenzen zutraut. Das ist selbst bei ausreichend fachlich qualifizierten Kandidat:innen zu beobachten.

Unangemessene Gebetspraxis: Menschen mit Behinderungserfahrungen werden heute noch ungefragt "für Heilung" instrumentalisiert oder als "Vorzeigeprojekte" präsentiert. Viele Betroffene empfinden dies als verletzend und abwertend. Häufig bleiben sie kirchlichen Veranstaltungen fern oder verbleiben in kirchlichen Subkulturen. Menschen mit Behinderungserfahrungen haben Bedürfnisse wie alle anderen auch. Sie sind ihrerseits oft bereit und in der Lage, für andere zu beten oder sie anderweitig zu unterstützen. Dass sie in gewissen Bereichen auf Assistenz angewiesen sein können, macht sie nicht zu anderen Menschen. Alle sind irgendwo und irgendwann auf Ergänzung, Rücksichtnahme und Unterstützung angewiesen.

3. Strukturelle Probleme, die theologische Wurzeln haben

Barrieren im Alltag: Auch viele kirchliche Strukturen und theologische Konzepte sind von einem gesellschaftlichen Ideal der Leistungsfähigkeit und Perfektion geprägt. Physische Barrieren (Treppen, fehlende Rampen) oder unzugängliche Liturgie (keine Gebärdensprache, fehlende Leichte Sprache) machen deutlich, dass Kirche noch nicht überall für alle gedacht ist. Sind Kirchenräume, insbesondere Kanzeln, Altäre und Bühnen, nicht barrierefrei, sendet dies zudem die (unbewusste) theologische Botschaft, dass Menschen mit Behinderungserfahrungen für Leitungsämter nicht vorgesehen sind. Hochkomplexe Sprache kann Menschen mit Lernschwierigkeiten sowie Menschen aus anderen Kulturen von der aktiven Teilnahme an oft ohnehin wortlastigen Gottesdiensten ausschließen.

Vorurteile im und am "Mainstream": Die Kirche ist oft ein Abbild der Gesellschaft und ein Kind ihrer Zeit. Sie orientiert sich an traditionellen kulturellen Vorstellungen von "Normalität". Umgekehrt werden gesellschaftliche Veränderungen und Weiterentwicklungen in der Kirche häufig verzögert und nicht selten erst nach entsprechendem Druck von innen und außen nachvollzogen. In konservativen kirchlichen Kreisen stößt Inklusion oft von vornherein auf grundsätzliche Vorbehalte und starken Widerstand. Beispielsweise fürchtet man sich vor Ideologisierung, fordernden Minderheiten oder eingeschränkter Freiheit durch gesellschaftlichen Druck. Dabei wird meist übersehen, wie viel inklusive Substanz in der christlichen Theologie und Tradition selbst steckt. Dies fördert seit jeher in der kirchlichen Praxis den Einsatz gegen Diskriminierung und Ausgrenzung sowie das Engagement für soziale Gerechtigkeit. Eine regelmäßige (Selbst-)Kritik und theologische Reflexion könnten dabei helfen, die vorschnelle Übernahme unheilvoller gesellschaftlicher Haltungen und Praktiken zu verhindern und rechtzeitig nötige Überarbeitungen und Weiterentwicklungen eigener, überholter Positionen und Handlungsweisen einzuleiten.

Isolierung: Wenn Menschen mit Behinderungserfahrungen nicht aktiv in die Gemeinde einbezogen sind, fehlt der persönliche Bezug. Das kann auf beiden Seiten zu Vorurteilen und Ängsten führen. Dabei wissen wir heute, dass persönliche Kontakte und erst recht Freundschaften mit Menschen aus anderen "Bubbles" Vorurteile abbauen und Teilhabe begünstigen können. Auch theologisch differenzierte Verständnisse von vielfältiger und solidarischer christlicher Gemeinschaft sind hierfür richtungsweisend.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass eine inklusive Kirche theologisch neu denken muss, was längst nicht überall angefangen hat. Dies beginnt beispielsweise damit, Behinderung nicht als "Fehler" zu betrachten, sondern als Teil der Schöpfung beziehungsweise der menschlichen Vielfalt und irdischen Realität, und den Fokus von der Heilung auf die inklusive Gemeinschaft zu verlegen. Damit dies geschieht, braucht es alle, insbesondere auch die  Perspektive und Beteiligung von Menschen mit Behinderungserfahrungen.

Selbstverständlich bleibt eine inklusive kirchliche Gemeinschaft auch "Kirche unterwegs". Sie ist unfertig, aber lernbereit und bewusst auf dem Weg. Wir ergänzen und unterstützen einander gleichberechtigt und gleichwertig. Wir feiern und freuen uns gemeinsam, halten und ertragen einander und trauern gegebenenfalls gemeinsamUnd wir geben die Überzeugung nicht auf, dass wir alle aufeinander angewiesen sind. Aus heutiger Sicht sollte dies das Mindeste sein, was eine Landes- oder Freikirche anstreben sollte – aufgrund des Evangeliums und der göttlichen Verheißung.

Ist Ihre Kirche in diesem Sinne unterwegs?

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Zur Vertiefung

Bohne, Eva et al. (Hg.) 2026. Aus der Geschichte gelernt? Disability Studies und Disability History fordern Kirche und Theologie heraus. Reihe Behinderung – Theologie – Kirche. Stuttgart: Kohlhammer, Ausschreibung im Internet.

Glaube und Behinderung, Kultivierer GmbH & Institut Inklusiv GmbH (Hg.) 2025. Dazugehören – unterwegs zu einer inklusiven Kirche. Broschüre. Thun: Verlag Mosaicstones, Ausschreibung gedruckte Fassung, Ausschreibung PDF.

Liedke, Ulf & Kunz, Ralph (Hg.) 2013. Handbuch Inklusion in der Kirchengemeinde. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, Ausschreibung im Internet.

Merz, Oliver 2017. Vielfalt in der Kirche? Der schwere Weg der Inklusion von Menschen mit Behinderung im Pfarrberuf. Bd. 1. Interdisziplinäre und theologische Studien. Berlin, Münster, Wien, Zürich & London: LIT Verlag, Ausschreibung im Internet.

Auch die oben im Fließtext verlinkten Beiträge sowie weitere Beiträge auf dieser Website können zur Vertiefung genutzt werden.

Der Autor

Oliver Merz (1971) ist Theologe und promovierte 2015 in Praktischer Theologie an der Universität von Südafrika (UNISA) in Pretoria. Er ist Gründer und Leiter des "Institut Inklusiv". Zudem wirkt er als Gastdozent, Referent, Berater, Supervisor, Gutachter und Autor. Seine Arbeitsschwerpunkte liegen im Bereich Vielfalt und Verschiedenheit, Inklusion und Teilhabe in Kirche und Gesellschaft sowie Religion, Spiritualität und Gesundheit beziehungsweise Krankheit und Behinderung. Oliver Merz wohnt mit seiner Familie in Thun (Schweiz). Persönliche Website.

Zur Optimierung dieses Beitrags wurde auf die Unterstützung von künstlicher Intelligenz zurückgegriffen.

Foto: © Oliver Merz.

 

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