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Barrierefrei dazugehören

Wenn sich Menschen und insbesondere Christ:innen für barrierefreie, inklusive Gemeinschaft einsetzen, tun sie dies nicht in erster Linie, weil die jeweiligen Bundesverfassungen, Gesetze und Verordnungen dies verlangen. Anderen und besonders jenen, die von Benachteiligung und Ausgrenzung gefährdet sind, Zugehörigkeit zu ermöglichen, ist ein konkreter Ausdruck des christlichen Glaubens und des Evangeliums. Aber alles schön der Reihe nach.
Die Christenheit betont, dass Gott als Vater, Sohn und Heiliger Geist eine geheimnisvolle Einheit, Vielfalt und Differenz in sich selbst ist (Matthäusevangelium 28,19). Gott ist bereits in sich selbst inklusiv. Das ist Programm für alles, was daran anschließt. Gott stellt sich durch die biblischen Texte hindurch gegen ungerechte, exklusive Umstände und Strukturen. Zum Beispiel lesen wir im Alten Testament: "Denn er [Gott] steht dem Armen zur Rechten, dass er ihm helfe von denen, die ihn verurteilen" (Psalm 109,31, Lutherbibel, 2017).
Die christliche Tradition lehrt uns, dass Gott sein Reich, seinen guten Einflussbereich und seine umfassende Gerechtigkeit wiederherstellen will und wird – spätestens am Ende aller Zeiten. Das heilsame Wirken Gottes äußert sich also insbesondere in wiederhergestellter Gerechtigkeit.
Gott bezieht die Menschen für dieses Unterfangen mit ein und fordert bereits im Alten Testament auf, es ihm gleich zu tun. So finden wir schon im Alten Testament beispielsweise Ansätze von Hindernis- und Barrierefreiheit:"Einen Tauben sollst du nicht schmähen, und einem Blinden sollst du kein Hindernis in den Weg legen, sondern du sollst dich fürchten vor deinem Gott" (Leviticus 19,14, Zürcher Bibel, 2007).
Natürlich steckt da noch kein international menschenrechtsbasierter Inklusionsansatz im heutigen Sinn dahinter, aber für die damalige Zeit sind solche Forderungen beachtenswert. Rücksichtsvolles Verhalten gegenüber Menschen mit Behinderung wird als ein konkreter Ausdruck des persönlichen Glaubens an Gott begriffen. Im Sinne von: "Wenn du Gott ehren willst, dann handle inklusiv!"
Das Neue Testament knüpft insbesondere im Verhalten von Jesus und den ersten christlichen Gemeinden an die alttestamentliche Tradition an. In der Person Jesus unterstreicht Gott seine "inklusive Mission", die auf die eschatologische, ganzheitliche Wiederherstellung der gesamten Schöpfung abzielt.
Dass Jesus Reinheitsgebote und andere religiöse Vorschriften beziehungsweise deren pointierte und unheilvolle Interpretation übertreten hat, um besonders verletzliche, stigmatisierte, benachteiligte und ausgegrenzte Personen (zum Beispiel Kranke oder Menschen mit Behinderung, Ausländer:innen, Andersgläubige) in die Gemeinschaft mit Gott einzuladen, unterstreicht die inklusive Absicht der messianischen Sendung. Jesus zeigt, dass und wie durch gelebte Barmherzigkeit das Reich Gottes und seine wiederherstellende Gerechtigkeit erfahrbar werden. Das Heil Gottes kommt anders als besonders von der religiösen Elite erwartet und sogar zu den Menschen, von denen es viele nicht für möglich gehalten hätten. Damit wird das Leben Jesu zum Brennpunkt allen inklusiven Handelns der Christenheit.
Es verwundert nicht, dass Jesus seinen Jünger:innen eine passende und unüberbietbare Aufforderung mitgab: "Ich gebe euch jetzt ein neues Gebot: Ihr sollt einander lieben! Genauso wie ich euch geliebt habe, sollt ihr einander lieben! An eurer Liebe zueinander werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid" (Johannesevangelium 13,34-35, Gute Nachricht Bibel, 2022). Nebenbei: Das inklusive Miteinander hat eine unübertreffliche missionarische Kraft – in aller Unvollkommenheit. Letztlich gründet das inklusive Verhalten der Christ:innen auf diesem Jesuswort und mündet wieder in dasselbe. Da klingt das "Doppelgebot der Liebe" (Matthäusevangelium 22,37-40 und Markusevangelium 12,29-31) an.
Auch der Mensch wird aus einer christlichen Perspektive inklusiv verstanden. Alle sind einzigartiges "Ebenbild Gottes" (Genesis 1,27), geliebt, gleichwertig und gleichberechtigt. Dies gilt unabhängig der aktuellen Konstitution, Lebensumstände oder Lebenswelt eines Menschen. Grenzen, Schwäche und somit zum Beispiel auch Menschen mit Behinderungserfahrung sind ein Ausdruck der generellen menschlichen Diversität, Schöpfungsvielfalt und irdischen Realität.
Schließlich wird die Kirche, die Gemeinschaft der Christen bereits in der Bibel sehr inklusiv beschrieben. Die Verschiedenheit ihrer Glieder ist gegeben und notwendig (Epheserbrief 4,7-16). Entsprechend gibt es die Einheit der Christ:innen nur in dieser grundsätzlichen menschlichen Vielfalt, Herausforderungen inklusive (Galaterbrief 3,28). Schon in biblischer Zeit gab es keine homogene, gleichförmige Gemeinschaft von Christ:innen. Alle dürfen freiwillig dazugehören, brutto. Das Miteinander der ersten Christ:innen lebte schon von gegenseitiger Ergänzung (1. Korintherbrief 12,12-31) und Rücksichtnahme (Römerbrief 15,2, 1. Korintherbrief 11,33). Daran hat sich bis heute nichts geändert.
Die Gemeinschaft der Gläubigen war von Anfang an ein "bunter Haufen" aus Menschen unterschiedlicher Kulturen, sozialen Schichten und vielen weiteren mitunter spannungsreichen Lebensumständen. Im Miteinander der Nachfolger:innen von Jesus werden seit jeher exklusive Umstände und Strukturen zugunsten einer inklusiven, gleichwertigen Gemeinschaft überwunden. So bildet die Kirche in der Welt im besten Fall einen positiven Kontrast, in dem heute schon im Licht des angebrochenen Reiches Gottes zeichenhaft und unvollkommen Gerechtigkeit wiederhergestellt und Gottes Zuwendung gerade gegenüber Benachteiligten erfahrbar werden soll.
Der bekannte Theologe Jürgen Moltmann fasste es so zusammen: "Die Verheißung des Reiches Gottes, in dem alle Dinge zu Recht, zum Leben und zum Frieden und zur Freiheit und zur Wahrheit gelangen, ist nicht exklusiv, sondern inklusiv. Und so ist auch seine Liebe, seine Nächstenschaft und sein Mitleiden inklusiv, nichts ausschließend, sondern alles das in die Hoffnung einschließend, an dem Gott sein wird alles in allem. Die pro-missio [Verheissung] des Reiches begründet die missio [Sendung] der Liebe in die Welt" (Jürgen Moltmann 2005. Theologie der Hoffnung. 14. Auflage. Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus, 204).
Der liebevolle Einsatz für eine möglichst barrierefreie Teilhabe aller am kirchlichen Leben und im gesellschaftlichen Alltag insgesamt ist also ein Kennzeichen christlicher Hoffnung und Existenz schlechthin. Wir handeln inklusiv, weil es unserem Glauben an Gott und dem Evangelium entspricht. So wirken wir mit Gott gemeinsam auf seine verheißene und erhoffte Wiederherstellung aller Dinge zum Guten hin.
Ehrlicherweise darf nicht verschwiegen werden, dass die Kirche leider ihrerseits vulnerable Einzelpersonen oder benachteiligte Gruppen ausgrenzte und bisweilen heute noch ausgrenzt. Dies steht in den allermeisten Fällen in klarem Widerspruch zum Evangelium und schadet letztlich der Glaubwürdigkeit der Christenheit und deren Botschaft. Wo uns die Andersartigkeit unseres Gegenübers herausfordert und sich scheinbar unüberwindbare Hindernisse auftun, gilt in Anlehnung an die Worte Jesu: Die Liebe ist die Grenze! Nicht Sympathie oder Antipathie, theologische Rechtgläubigkeit, mangelnde Finanzen, architektonische Barrieren oder andere praktische Herausforderungen entscheiden über Zugehörigkeit, sondern der unbedingte Wille von allen, für möglichst viele unterschiedliche Menschen eine geistliche Heimat zu sein.
Die allermeisten Menschen sehnen sich nach Annahme und Zugehörigkeit. Vermutlich kannst du das auch von dir selbst sagen. Unser Glaube an Gott weist uns den Weg, unseren Mitmenschen eine gelebte Einladung zur christlichen Gemeinschaft zu sein. Die "doppelte" Liebe zu Gott und den Menschen, die die liebevolle Annahme unserer selbst einschließt, ist dafür die treibende Kraft. Dass wir uns diese häufig schenken lassen müssen, erklärt sich.
Ich schließe mit einem inklusiven Wunsch: Ich wünsche dir, dass du Teil einer Gemeinschaft bist, in der du vermisst wirst, wenn du nicht da bist. Dies wäre ein deutliches Zeichen dafür, dass du wirklich dazugehörst (in Anlehnung an John Swinton 2013. Referat "What makes a Parish Inclusive", Universität Zürich, 8). Wenn du das noch nicht erlebst, überlege dir, was du selbst dazu beitragen kannst, damit sich das ändert.
Der Autor
Oliver Merz (1971) ist Theologe und promovierte 2015 in Praktischer Theologie an der Universität von Südafrika (UNISA) in Pretoria. Er ist Gründer und Leiter des „Institut Inklusiv“ (www.institutinklusiv.ch). Zudem wirkt er als Gastdozent, Referent, Berater, Supervisor, Gutachter und Autor. Seine Arbeitsschwerpunkte liegen im Bereich Vielfalt und Verschiedenheit, Inklusion und Teilhabe in Kirche und Gesellschaft sowie Religion, Spiritualität und Gesundheit beziehungsweise Krankheit und Behinderung. Oliver Merz wohnt mit seiner Familie in Thun (Schweiz). Persönliche Website: www.oliver-merz.ch.
Dieser Beitrag wurde erstmals am 6. Juli 2026 auf Jesus.ch veröffentlicht. Wir danken herzlich dafür! Der Originalbeitrag findet sich hier.
Foto: © Oliver Merz.
Themenliste
- Barrierefrei dazugehören
- Heilung als Re-Inklusion
- Bericht zur Fachtagung Inklusion in Winterthur
- 4. Tagesseminar "Die Inklusion von queeren Menschen in der Kirche"
- Dazugehören – ein inklusives Unternehmen sein
- Inklusion praktisch
- Begegnung jenseits der Unterschiede
- Bericht zum 3. Tagesseminar zum Thema "Inklusion von queeren Menschen (LGBTQIA+) in der Kirche"
- 2. Fachtagung Inklusion 2026
- Was wäre wenn?
- Säkularisierung Europas – Frage nach den Folgen
- Die Inklusion von queeren Menschen (LGBTQIA+) in der Kirche
- „Achte auf dein Inneres, denn es beeinflusst dein Äusseres!“
- Solidarische und inklusive lokale Gemeinschaften – was bedeutet das?
- 3. Tagesseminar zu Inklusion von queeren Menschen in der Kirche
- Gleichwertig, aber nicht gleichartig – Grundsatz fürs Zusammenleben und Zusammenarbeiten
- Die Zeit ist reif!
- Ein durchkreuzter Traum
- Inklusion und Friedensförderung im und durch Sport
- "DU für alle"
- "Die Liebe ist die Grenze!"
- Von der Hoffnung – nicht nur für schwere Zeiten
- Bericht zum 2. Tagesseminar zu Inklusion und LGQBTIA+ in der Kirche
- Wie inklusiv sind Kirchen in unserem Land?
- Was ein Baum über Einheit in Vielfalt lehrt
- "Zmitztdrin" – eine Anstiftung zu mehr Inklusion in der Kirche
- Bericht zur Fachtagung "Dazugehören" in Aarau
- 2. Tagesseminar zu Inklusion und LGBTQIA+ in der Kirche
- Diversity Management aus biblischer Perspektive
- Unterstützen Sie uns dabei, Kirchen inklusiver zu machen!
- Frohe Festtage und ein hoffnungsvolles neues Jahr!
- "Ich lasse mich nicht behindern"
- Fachtagung "Dazugehören" – jetzt anmelden!
- "Dazugehören – gemeinsam für eine inklusive Kirche und Gesellschaft"
- Ab in die Sommerpause
- "Zmitztdrin" – Lehrmittel mit Dokumentarfilm zu Inklusion in der Kirche
- Für Inklusion sensibilisieren
- Inklusive Veranstaltungen durchführen
- Rückblick auf das Tagesseminar "Inklusion und LGBTIQ* in der Kirche"
- Dazugehören – mit Kopf und Herz für eine inklusivere Welt
- 1. Treffen des Beirats
- Tagesseminar Inklusion und LGBTIQ* in der Kirche
- "Von der Ausgrenzung zur Umarmung"
- 1 Jahr Institut Inklusiv
- Gegenseitige Rücksichtnahme und gemeinsames Feiern als Förderfaktoren von Inklusion und Teilhabe
- Inklusion und Gender
- Paulus – Cheftheologe und Apostel mit Behinderung
- Ein Sommergruss
- Lyrische Inklusion
- "Inklusiv für alle – wirklich?"
- Inklusion in Theologie und Kirche
- Barrieren und Förderfaktoren von Inklusion
- Konferenz "Versöhnt leben" 2022
- Inklusion ist keine Option
- Institutsgründung